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DSJ - Diskussionsforum

Briefe und Antworten zu aktuellen Themen

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Zielsetzung und Realisierung

Es gibt sicher viele Themen, welche die Schach spielenden Jugendlichen mal gerne mit den Funktionären diskutieren möchten. Wir denken, daß die Einrichtung eines Diskussionsforums einiges dazu beitragen kann. In erster Linie geht es darum, Fragen von allgemeinem Interesse nicht nur zu stellen, sondern auch öffentlich zu beantworten.

Wir bitten um Anregungen und erste Fragen, und zwar als Email an mich.

Es kann sein, daß ich nicht alles selber beantworten kann und werde, aber Ihr erhaltet auf jeden Fall eine kompetente Antwort. Ich werde gegebenenfalls entsprechende Experten ansprechen und bitten, Ihre Meinung zu Euren Fragen kund zu tun.

Unser erstes Thema lautet :
Soll es eine offizielle U9 - Meisterschaft auf deutscher Ebene geben?
Das zweite Thema befaßt sich mit der Nachwuchsarbeit am Beispiel Bacrot.

Jörg Schulz

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1. Thema : U9 - Meisterschaft

Das Grundschulschach erfreut sich eines enormen Zuspruches. Die meisten der 500 von Mephisto gesponserten und von der Stiftung Deutsches Schulschach vertriebenen Schulschachpakete gingen an Grundschulen, die Schach in ihr Programm aufnehmen möchten. Die offene Meisterschaft der Grundschulen (Klassen 1 bis 4) mußte 1996 vor dem großen Ansturm passen. Die Plätze wurden erstmalig über die Landesverbände vergeben.

Die Sächsische Schachjugend veranstaltete über Pfingsten zum zweiten Male eine inoffizielle offene U9-Meisterschaft (Bericht hierzu). Überhaupt erfreut sich die U9-Meisterschaft in den fünf neuen Schachjugenden aus ihrer Tradition heraus großer Beliebtheit. Nun soll man aber nicht denken, daß die Teilnmehmer an der ersten offenen U9-Meisterschaft nur aus diesen Schachjugenden kamen, nein ganz anders: Aus fast allen Bundesländern kamen die Kinder mit ihren Trainern und Eltern nach Sachsen gereist.

Stellt sich da nicht die Frage, wie es bundesweit mit einer U9-Altersgruppe weitergehen soll?

Meisterschaften mit so jungen Kindern?

Für viele eine ungeheure Vorstellung. Die sind dem Leistungsdruck nicht gewachsen. Der Druck von außen - gemeint sind die Eltern und Trainer - ist zu groß. Aus pädagogischen Gründen kann dies nicht unterstützt werden.

Hingegen meinen die Befürworter, Kinder kann man gar nicht früh genug ans Schach heranführen. Und zum Spiel und Sport gehört nun einmal der Vergleich. Die Frage wer ist besser, er oder ich ? Diese Frage ist natürlich und wird von alleine gestellt. Warum will man die Kinder an der Beantwortung hindern?

Zudem kann aus Sicht der Befürworter das Leistungsschach nur dann langfristig in Deutschland gesichert werden, wenn auch wir den Schritt gehen, den die östlichen europäischen Länder, aber auch viele westliche Nachbarn wie zum Beispiel Frankreich seit Jahren gehen : Früh die Kinder ans Schach führen, früh Wettkämpfe anbieten. Die Leistungsspitze wird immer jünger. Wie wollen wir da noch mithalten, wenn wir aus da ausklinken?

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wieder einmal in der Mitte. Zum Beispiel könnte die Forderung heißen:

In den Ländern, auf unterer Ebene so viele Spielmöglichkeiten für die U9-Kinder anbieten wie möglich, einhergehend mit einer guten Ausbildung von Übungsleitern für diese Altersgruppe. Auf der Bundesebene jedoch sollte auf den Leistungsdruck einer offiziellen Meisterschaft noch verzichtet werden !

Was meinen Sie dazu ?

Bitte schreiben Sie Ihre Meinung an die Geschäftsstelle. Wir werden dann auf dieser Seite die verschiedenen Positionen zur Diskussion stellen.

Jörg Schulz

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2. Thema : Nachwuchsarbeit

Am Rande des Kongresses des Deutschen Schachbundes im Mai diesen Jahres spielte die Nachwuchsarbeit im Deutschen Schach eine große Rolle. Der Sächsische Schachverband als Ausrichter des Kongresses veranstaltete einen gut besuchten Workshop zu diesem Thema. Viele unterschiedliche Thesen wurden dort vertreten. Auf einige von ihnen wird in den nächsten Wochen auf dieser Seite einzugehen sein.

In der Zeitung JUGENDSCHACH veröffentlichte Jörg Schulz einige Thesen zu diesem Thema, festgemacht am jüngsten Großmeister der Welt - Etienne Bacrot - aus Frankreich.

Die DSJ wünscht sich eine weitgefächerte Diskussion zu diesem Thema!

Etienne Bacrot - jüngster Großmeister der Welt

Mit 14 Jahren überflügelte in diesen Tagen der Franzose Etienne Bacrot (Foto links) als jüngster Großmeister den Ungarn Peter Leko.


Mitte März 1997 war es soweit. Nach einer erzielten Großmeisternorm bei der Schacholympiade 1996 in Jerewan (Armenien) mit dem großartigen Ergebnis von 9 aus 10 und einer zweiten Norm im Januar 1997 in Wijk aan Zee (Niederlande), erreichte Etienne Bacrot bei einem GM-Turnier in Enghiene les Bains (Frankreich) die dritte und letzte Norm, so daß die FIDE den Titel nur noch offiziell verleihen muß. Mit 14 Jahren und zwei Monaten ist er der jüngste Großmeister aller Zeiten. Zuvor hatte Peter Leko diesen „Titel“ inne. Allerdings benötigte er 14 Jahre und vier Monate für diesen Erfolg. Die Schraube dreht sich immer schneller, immer jünger wird die Weltspitze. 1955 galt es als eine Sensation, als Boris Spasski mit 18 Jahren Großmeister wurde. 1958 löste ihn Bobby Fischer ab, der mit 15 Jahren alle Normen erfüllt hatte. Dieser Erfolg hatte jahrelang Gültigkeit. Erst 1992 konnte Judit Polgar ihn vom Thron stoßen, sie übertrumpfte ihn um zwei Monate. Wer wird der nächste sein, der Etienne ablösen wird?

Mit vier Jahren erlernte Etienne das Schachspiel, mit fünf war er schon Mitglied in einem Verein. Man wurde auf sein Talent aufmerksam. Die Eltern förderten ihn umsichtig und geschickt. Mit dem bekannten Großmeister und Trainer (unter anderem Garry Kasparow) GM Josip Dorfmann wurde ein hervorragender Trainer gewonnen, der über Sponsorengelder finanziert werden konnte. Nebenbei besuchte er Lehrgänge beim GM Polugajewski.

Mit 12 Jahren gewann Etienne die Kinderweltmeisterschaft U12 in Brasilien, kurze Zeit später kamen schon die ersten IM-Normen hinzu.

Im Gegensatz zu anderen bekannten Schachkindern besucht Etienne weiter die Schule. Allerdings wird er regelmäßig vom Unterricht für seine Turniere freigestellt. Er bekommt dann den Lehrstoff mit auf den Weg gegeben und muß die Klausuren nachholen. Diese Regelung wird Jahr für Jahr verlängert, da ihm die Arbeit in der Schule keine Mühe bereitet.

1996 sorgte er mit dem Zweikampf gegen den ehemaligen Weltmeister Wassili Smyslow für weltweites Aufsehen. Mit 5:1 schlug er respektlos den 75jährigen! Ein Ergebnis aufgrund seiner Stärke oder weil Smyslow seinem Alter Tribut zollen mußte? Die Antwort ist unterdessen gegeben, die GM-Normen sprechen eine eigene Sprache.

Warum kommt Etienne nicht aus Deutschland?
Warum gibt es diese Schnellaufsteiger nicht bei uns?

Der Präsident des Schachbundes Sachsen spricht davon, daß Deutschland im Nachwuchsbereich ein Entwicklungsland ist. Einer der Gründe dafür soll sein, daß viel zu spät in Deutschland mit dem Schach begonnen wird. Folgerichtig propagiert Sachsen die U9 - Meisterschaft, erprobt Schach schon im Kindergarten einzusetzen. Aber reicht das als Begründung? Kann man mit einem frühen Heranführen von Kindern ans Schach den Erfolg erzwingen? Schön wäre es, wenn es so einfach wäre!

Aber liegen die Probleme nicht ganz wo anders?

Bei uns werden viele Erwartungen in die Arbeit des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schachjugend gesteckt. Forderungen von allen Seiten an diese Adressen werden gestellt, gleichzeitig wird eng darauf geachtet, daß die Eigenständigkeit der Länder mit all ihren Wünschen nicht angetastet wird. Denkt man zum Beispiel in der Schachjugend darüber nach, die vorhandenen Mittel für wenige Talente zielgerichtet einzusetzen, folgen auf dem Fuße die Rufe nach den Folgen für die Länder, sie möchten vielmehr möglichst viele Spieler in den Kadern haben, zeigen gerne ihre EM- und WM-Teilnehmer bei den Landessportbünden vor.

Dabei ist es eine einfache Rechnung: Die DSJ gibt über 20.000 DM für die Beschickung der Europameisterschaften und Weltmeisterschaften aus, nur weil alle Altersgruppen der Jungen und Mädchen unbedingt beschickt werden sollen. Leicht läßt sich ausrechnen, was machbar wäre, wenn diese 20.000 DM zur Unterstützung einzelner hoffnungsvoller Talente eingesetzt werden könnten.

Wer Forderungen an die Deutsche Ebene stellt, der muß gleichzeitig dieser Ebene auch den eigenständigen Handlungsspielraum einräumen, ansonsten handelt es sich nur um eine doppelzüngige Strategie, die zum Scheitern verurteilt ist.

Die derzeitige Rechnung der Länder geht nicht auf: Die DSJ-Kader umfassen 100 Jugendliche. Gleichzeitig wird die Forderung aufgestellt (ganz aktuell auf der Jugendversammlung 1997), diese Kadermitglieder mit Trainingsmaßnahmen und guten Turnieren zu versorgen. Will man dem folgen, ist das eine Politik der Gießkanne, aber keine Politik der Förderung. Diese falsche Linie wird übrigens auch in vielen der 17 Landesverbänden verfolgt, wenn dort überhaupt Leistungsförderung betrieben wird.

Allerdings stellt sich überhaupt die Frage, inwieweit die Bundesebene die Förderung der Talente betreiben kann? Gut, mehr als bisher ist möglich, aber alleine von oben geht es nicht!

Schaut man sich die Situation bei unseren Nachbarn in Frankreich an, so spielt da der Dachverband keine große Rolle. Das Schachleben ist wenig zentral organisiert, der Verband spielt eine untergeordnete Rolle. Mächtig sind die Vereine. Die Schacharbeit erfolgt dort. Unterstützt von den Kommunen, von Städten, oft auch von Sponsoren.

Die Franzosen haben ebenfalls ein umfangreiches altersmäßig aufgeteiltes Meisterschaftsangebot für die Kinder und Jugendlichen. Nur stellt sich die Frage, welche Bedeutung diesem Meisterschaftssystem beigemessen wird? Bei uns hat es eine zu große Bedeutung. Die Talente werden massiv unter Druck gesetzt, möglichst alles mitzuspielen. Wie groß ist zum Beispiel immer wieder die Kritik, daß die Vereinsmeisterschaften zeitgleich auf der Bundesebene stattfinden. Man möchte doch möglichst mit den gleichen Spieler an allen teilnehmen!

Wir merken die Bedeutung, die den Meisterschaften beigemessen werden, auch immer dann, wenn Spieler zur EM oder WM nominiert werden, die sich nicht auf der Deutschen Altersmeisterschaft gezeigt haben.

Aber glaubt wirklich einer, daß sich Etienne Bacrot an den jährlichen Kinder- und Jugendmeisterschaften beteiligt? Was soll er da? Was bringt ihm diese Zeitverschwendung?

Bei uns vergeuden stattdessen hoffnungsvolle U11- oder U13-Spieler in ihren Altersklassenmeisterschaften ihre Zeit, dazu getrieben von den Vereinen und Landesfunktionären, anstatt daß sie an die schweren Jugendturniere und die offenen Turniere herangeführt werden! Bei uns wird immer nach dem direkten Vergleich gefragt. Unser Mann wurde Dritter bei der ... , und wo war Eurer? Der hat zu der Zeit ein starkes Open gespielt und sich eine Elozahl erkämpft. Das zählt nicht, das läßt sich nicht vergleichen mit dem dritten Platz unseren Mannes!

Wir müssen endlich einsehen, daß diese Kinder- und Jugendmeisterschaften nicht für die Talente und die Leistungsspitze erdacht wurden, sondern ein Angebot für die Breite darstellen!

Nicht der Hilfeschrei in Richtung der Deutschen Ebene muß im Vordergrund stehen. Die Eigenverantwortlichkeit, die Eigeninitiative muß an erster Stelle stehen.

Und da bekommt die Bundesebene ihre Aufgabe. Sie muß dies fördern und steuern, sie muß den Eltern Berater sein und Hilfestellung geben, damit eine Förderung der Talente unabhängig von Vereinsinteressen, Landes- und Bundesinteressen erfolgen kann. Und die Hilfestellung kann dann natürlich auch finanzieller Art sein. Diese Struktur fehlt bei uns fast vollkommen.

Jörg Schulz

Was meinen Sie dazu ?

Bitte schreiben Sie Ihre Meinung an die Geschäftsstelle. Wir werden dann auf dieser Seite die verschiedenen Positionen zur Diskussion stellen.

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© 1.98 by Gerhard Hund (TeleSchach) für die DSJ in der Deutschen Sportjugend | Update 22.02.2002